Geoinformatik Osnabrück - Theoretisch Chaotisch
Juli 11th, 2008Die Chaos-Theorie besagt, dass der Flügelschlag eines Schmetterlings im Herzen Brasiliens einen Orkan in Europa auslösen kann. Doch Mitten in Europa, genauer in der 32.UTM Zone liegt das kleine Osnabrück , die nach Hannover 2.größte Stadt Niedersachsens, mit seinen 160000 Einwohnern. Und genau hier gibt ein ganz anderes Chaos, das wirre Durcheinander des Geoinformatik-Studiengangs.
Geoinformatik in Osnabrück - Ein Erfahrungsberichtähnlicher Erfahrungsbericht
Was soll man in der heutigen Zeit bloß studieren? Die trockenen Geisteswissenschaften werden von allen Richtungen her attackiert, sie seien nicht zukunftssicher, meist definiert als typische Taxifahrer Fächer. Die Naturwissenschaften kommen nie aus dem Trend, aber anscheinend auch nie in die Köpfe der Schüler und sonstigen angehenden Studenten. Denn an äußerst vielen Universitäten Niedersachsens sind diese Studiengänge -etwa Mathematik und Informatik- ohne NC (Numerus Clausus), d.h. die Durchschnittsnote des Abiturs ist hierbei irrelevant. Auf diese Weise versuchen die jeweiligen Unis sämtliche Interessenten und Einschreiber zu gewinnen, häufig ist diese Vorgehensweise durchaus erfolgreich.
Eines dieser Fächer ist Geoinformatik, welches sich beim ersten Lesen recht außergewöhnlich bzw. neuartig anhört.“Waas du studierst Geoinformatik? Ist das eine neue Technik um aus dem Fenster zu schauen?” Der Studiengang besteht,ungleich dem was der Name vermuten lässt, nicht nur aus Geowissenschaften und Informatik, sondern ist ein Zusammenschluss aus:
-Informatik, Mathematik, Datenbanken
-Geoinformatik (Fernerkundung, GIS, Algorithmen, Kartographie, usw)
-Geographie (Physische- und Humangeographie), Systemwissenschaft
Trotz dieser Informationen haben viele Geoinformatik-Interessenten einen falschen Eindruck, eine falsche Vorstellung davon, was auf sie zukommen wird -genau dieser Grund ist auch die Tatsache dafür, dass viele Studienanfänger das Geoinformatikstudium beenden. Denn wer hätte gedacht, das er statt toller neuer Konzepte von Technologien oder sonstigen Entwicklungen der Zukunft ständig mit Geoinformationssysteme arbeiten muss, oder einfach nur Karten zu erstellen hat?
Im Wintersemester 2007/2008 kamen insgesamt 27 Geoinformatik Neulinge zusammen, wobei der der Studiengang relativ neu ist und im Jahre 2006/2007 mit 13 Studenten das erste Mal an den Start ging. Relativ vielversprechende Berufsaussichten und andere Faktoren lassen aber die Teilnehmerzahltendenzen stetig steigen.
Dann ging es also los für die hoffnungsvollen 27 neuen Studenten an der teilweise gut angesehenen und ansehnlichen Universität Osnabrück. Nach den Einführungswochen mit nur wenig Vorlesungsanteilen ging es dann auch schon los. Die Fächer, die einem im ersten Semester erwarten sind Grundlagen der Geoinformatik, Grundlagen der Fernerkundung, Mathematik I, Präsentationstechniken/Projektmanagement (kurz: “Bodo”), System Feste Erde und Informatik A (Algorithmen, Java), also ingesamt 7 Module an der Zahl. Im Gegensatz zur Quantität der Schulfächer hört sich diese Menge passabel an, ist es aber nicht. Nur wenige Studiengänge haben diese Menge an Fachvarietäten, und das ist auch gut so, denn bei 7 Modulen mit jeweils durchschnittlich über 200 Seiten an Skript (jene das zentrale Nervensystem des Studenten erreichen, dort erfolgreich verarbeitet und größtenteils auch auf dem hirnigen, lokalen Datenträger gespeichert werden müssen), kommt man schon mal ein wenig ins schwitzen. Darüber hinaus bereitet einem die Mathematik I (Mathematik für Mathematiker) größte Schwierigkeiten, wenn man nicht gerade vorhatte Mathe zu studieren und auch nicht begabt darin ist. Denn der Komplexitätsgrad der Universitätsmathematik ist extrem hoch und keineswegs zu vergleichen mit der Schulmathematik, ein Leistungskurs in diesem besagten Fach in der Oberstufe hilft da einem kaum etwas. Parallel dazu kommen die zeitintensiven, wöchentlichen Aufgabenblätter der Informatik hinzu. Und wer zuvor noch nie mit Java programmiert hat oder weniger im Besitz sonstiger Grundlagen ist, wird auch nur mit großer Hilfe durchkommen. Insgesamt geht nahezu die ganze Woche für das Bearbeiten der Übungsblätter der Mathematik und Informatik drauf (diese sind dringend notwendig, um überhaupt die Klausur mitschreiben zu dürfen), aber halt da war doch was? Genau, um die anderen 5 Module muss man sich natürlich auch kümmern, denn am Ende lauern Klausuren bzw. Projekte zu jedem dieser Fächer. Hinzu kommen einige, durch den Stoff rasende Professoren, die einem das Zuhören und Mitschreiben erschweren - doch im Durchschnitt ist die Qualität, Kompetenz und Vorlesungen der Dozenten recht akzeptabel.
Es folgten qualvolle 5 Woche mit an höchstem Abstraktiongrad versehenem Stoff, bis wir dann von einem Professor erfuhren, dass die derzeit von uns besuchte Mathematik doch irgendwie unpassend sei, da man dort keine konkreten, für Geoinformatik wichtigen Berechnungen durchführe ( dieser Gedanke kam dadurch, dass sich viele Geoinformatiker aus dem 1. und 2. Jahrgang beschwerten). Schlussfolgerung aus dieser Erkenntnis führte zur Exploration von Alternativen, die dazu veranlasste, dass wir vom holprigen und mit Steinen versehenem Pfad der Dunkelheit auf einer Autobahn gleichenden Straße abbogen und somit bei den Biologen landeten - Mathematik für Biologen I. Um das durchgehen zu lassen waren lange Verhandlungen mit dem Prüfungsausschuss vonnöten, was die Ungewissheit der Studenten, ob sie denn nun in dem Kurs bleiben durften oder nich, erhöhte. Nach gefühlten 200 Jahren, mit Vergammeln, Verstandesverlust und Verenden einiger Studenten, hatte sich die Lage beruhigt und es konnte normal weitergehen. Doch hatte ein unwissendes Studentenwesen eine prüfungsähnliche Frage oder derartiges, wurde es von Station und Ort A über B nach C geschickt, um dann wiederum bei D zu landen und von dort aus wieder nach A zu fliegen. Um bei den Prüfungen zu bleiben, es ist einem in allen Fächern gewährt bei der ersten Klausur durchzufallen (Freischuss) und an der 2.teilzunehmen, hierbei ist somit lediglich nur die Note der 2.Klausur bedeutsam. Das ekelige daran ist, dass im Falle eines Bestehens der 1.Prüfung keine Verbesserung dieser Klausur durch die 2. erreichbar ist, d.h. die Möglichkeit der Notenverbesserung ist nur dann gegeben, sofern die erste Klausur nicht bestanden wurde. ” Ach übrigens, Statistik werden wir nicht mehr haben, der Professor dafür ist nicht mehr da… machen stattdessen Mathe für Biologen II”.
Im Geoinformatik-Studium geht es um -wie auf der Beschreibung der Uni-Homepage- um die Erfassung, Modellierung, Analyse und Visualisierung von Geodaten. Raumbezogene Daten können mittels GPS Geräten erfasst oder von Luft-, satellitenbildernbezogen werden, letztgenannteres ist der häufigere Fall. Ein Luftbild mit einem Bezugs- bzw. einem Koordinatensystem beinhaltet sämtliche solcher Informationen (bsp. Straße, Stadt, Fluss, usw.), welche als Basis für die Analyse dienen. Analysierende Funktionen bekommen sie, um z.B. Aufgaben wie “Liefere mir alle Gewässer im Umkreis von 10km von Osnabrück” durchzuführen. Die Option zur anschließenden graphischen Darstellung einer solchen Operatiion ist gegeben (=>Visualisierung). Zur Realisierung solcher Aufgaben finden im Studium (ab 2. Semester und höher) die Geoinformationssysteme (GIS) ihren Einsatz, welche zugleich das Hauptwerkzeug der Geoinformatik darstellen.
Und wahrlich ist es kein Privileg eine in zwei Standorten unterteilte Universität zu besuchen, da dies den Stressfaktor durch ewiges Hin-und Herfahren um einiges erhöht. Aber nach einiger Zeit gewöhnt sich der Erdenbürger mit dem hoch angestrebten Ziel an diese Strapazen der Busfahrten, die dem Durchlaufen eines von gefährlichen Tieren bewohnten Dschungels gleichen. Dafür besitzt die Uni zahlreich gut ausgestattete Rechnerräume mit guter Technologie und umfangreicher Software. Dabei ist das defizitäre Faktum der Software zu erwähnen, die für die Durchführung sämtlicher Hausaufgaben nur auf den PCs der Geoinformatikgebäude vorhanden und nur für einige Tausender für den privaten Gebrauch zu erwerben ist. Ziiiiemlich hässlich, wenn man zur Aufgabenbewältigung in den Ferien ständig in der Uni sein muss, und das bei einer taglimitierten Studenanzahl an Rechnerverfügbarkeit.
Trotz des zu bewältigenden umfangreichen Stoffes und der zeitverschlingenden Aufgaben der Informatik, ist das erste Semester zu schaffen, erst recht beim häufigen Besuchen der klausurvorbereitenden Tutorien. In der Regel gibt es an den Klausuren nichts auszusetzen, da sie wirklich fair oder sogar einfach gehalten sind, nichtsdesotrotz gibt es immer wieder Ausnahmen, die einem vom Hocker hauen. Beispielsweise bombadierte uns man bei einer Informatikklausur im 2.Semester mit einer 26-Seiten-Klausur, die stückhaft böse Aufgaben beeinhaltete. Teilweise sind die Programmieraufgaben der Informatik, insbesondere die der Informatik B im 2.Semester so überfrachtet, dass das hinterhergehende Lernen für Geographiefächer als Urlaub angesehen werden kann.
Fazit:Zusammengefasst ist das Studieren der Geoinformatik (dennoch) recht angenehm, wenn man ein wenig begabt in Sachen Informatik und sonstigen logischen Denkstrukturen ist und das mit einem guten Organisationstalent verbindet. Abgesehen von diesen allgemeinen Dingen, ist das Studium an der Universität Osnabrück mit dem Studiengang Geoinformatik -aufgrund der zunehmenden Stabilität und Strukturierung- empfehlenswert. Man muss nur genau wissen, auf was man sich da einlässt.




